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Kunststoffblätter für Saxophon – Top oder Flop?

Kunststoffblätter Saxophon

Wie gut sind Saxophonblätter aus Kunststoff?

Auf der Suche nach dem „perfekten“ Saxophon Sound kommen alle Saxophonisten, ob Schüler oder Profi, früher oder später - oder immer wieder… - mit dem Thema Setup in Berührung. Das heißt: was für ein Saxophon kaufe ich (welche Marke und welches Modell… neu, gebraucht oder richtig vintage?), welches ist das richtige Mundstück, welche die beste Ligatur für mich und vor allem: was für Blätter soll ich spielen?? 

Legere Signature

Auf dem Markt gibt es unzählige Marken, eine Fülle an verschiedenen Varianten, das Ganze natürlich in verschiedenen Stärken und um die Qual der Wahl im Blätterdschungel vollständig zu machen gibt es seit etwa zwei Jahrzehnten neben den klassischen Holzblättern auch noch Kunststoffblätter.

Um eben diese soll es in folgendem Beitrag gehen und um die Fragen: Taugen Kunststoffblätter für Saxophon etwas bzw. für wen sind sie geeignet? Welche Marken gibt es, welche lohnt es auszuprobieren? Was sind die Unterschiede zum klassischen Holzblatt und wo liegen jeweils die Vor- und Nachteile?

Kleine Blattkunde

Bei vielen Holzblasinstrumenten dienen Rohrblätter zur Tonerzeugung - sie sind dabei das schwingende (und absolut essenzielle) Element des Mundstückes: ohne Blatt (auch ‚Reed‘ genannt) kein Ton. Bei Instrumenten wie Saxophon oder Klarinette kommt ein einfaches Rohrblatt zum Einsatz, während Instrumente wie Oboe oder Fagott ein Doppelrohrblatt zur Tonerzeugung benötigen.

Bamboo

Close up of a giant bamboo

Die klassischen Rohrblätter bestehen aus Schilfrohr (Arundo Donax), also einem Naturmaterial, das Schwankungen unterliegt. Das Schilfrohr wird hauptsächlich in südlicheren Breiten kultiviert; die meisten für die Reed Herstellung genutzten Pflanzen stammen aus Südfrankreich, Spanien und Italien, wo sie in Plantagen angebaut werden.

Nach der Ernte vergehen zwei bis vier Jahre bis zum fertigen Blatt, da das Holz vor der Verarbeitung noch nachreift und trocknen muss.

Schilfrohr hat eine sehr faserige Struktur, ist innen hohl und hat einen Durchmesser von ca. 5 cm bis ca. 2 cm; zur Blattherstellung kann fast die gesamte Länge verwendet werden. Maschinell werden zunächst rechteckige Stücke geschnitten und auf der Unterseite plan geschliffen. Auf einer Seite wird nun das Blatt abgeflacht und erhält somit seine Spitze. 

Durch die Eigenschaft des Materials und die Dicke der Spitze ergibt sich die Blattstärke, die aber nicht bei jedem Hersteller identisch ist (ein Vandoren classic 2,5 ist beispielsweise deutlich schwerer als ein D’Addario mit der gleichen Stärkebezeichnung - dazu sind Vergleichstabellen sehr sinnvoll!).

Vergleichstabelle Saxophonblätter

Vergleichstabelle Saxophonblätter

Ende der 90-er Jahre kamen die ersten synthetischen Blätter für Holzblasinstrumente auf den Markt. Die französische Firma Légère ist eine der bekanntesten und ältesten Marken, wenn es um Kunststoffreeds für Saxophone (und auch Klarinetten) geht. Die Firma wurde 1998 von Dr. Guy Légère und Dr. Mark Kortschot gegründet mit der Idee, ein synthetisches Blatt zu entwerfen, das die Eigenschaften eines Holzblattes besitzt, ohne die Nachteile dieser Holzblätter, die natürlicherweise teils starken Schwankungen unterliegen. 

Als Material bei synthetische Blättern kommt in der Regel Polypropylen (PP) zum Einsatz, manchmal auch mit einem Mix aus anderen Fasern (wie etwa bei der Marke Forestone, die seit ca. 10 Jahren auf dem Markt ist und die Reeds aus einem Polyproplylen-Bambusfaser-Mix herstellt).

Forestone Reed

Was sind die Unterschiede von Holzblättern im Vergleich zu Kunststoffblättern, wo liegen die Vor- und Nachteile?

Holzblätter sind wie beschrieben ein absolutes Naturprodukt - zwar werden sie bei der Herstellung mittlerweile technisch aufwändig bearbeitet und (vor allem namhafte) Hersteller bemühen sich, eine konstante Qualität zu liefern, dennoch ist das Ausgangsmaterial ja eine gewachsene Pflanze. Das siehst du oft an der Maserung am hinteren Teil des Blättchens oder an den Fasern, wenn du ein Blatt gegen das Licht hältst. Manchmal sind die Fasern nicht gleichmäßig oder die Blattspitze ist an einer Seite dicker als auf der anderen. Manche Blätter sind an der eigentlich glatten Unterseite doch noch ein wenig rau.

Daher gibt es viele Saxophonisten, die ihre Blätter nachbearbeiten, um die Ansprache des Blattes zu verbessern, die Stärke zu verändern oder den Klangcharakter zu beeinflussen.

Man kann sagen, dass in einer 10-er Box Holzblätter kein Blatt dem anderen gleicht. Als absoluter Anfänger fällt dir das vielleicht nicht sofort auf, aber je fortgeschrittener du bist und je mehr Ansprüche du an dein Reed hast, desto eher wirst du feststellen, dass es solche gibt, die erstmal gut losgehen aber schnell zu leicht sind; solche, die schwer sind, aber mit der Zeit ziemlich gut werden; solche, die einfach zu schwer sind und schwer bleiben; solche, mit denen du dich einfach quälst und die nie gut werden; und ein oder zwei, die sofort funktionieren und mit denen du dich einfach wohl fühlst: yippee, das perfekte Blatt! Bis es dann doch irgendwann abgespielt ist (oder kaputt geht) und die Suche von vorne beginnt.

Alte Saxophonblätter

Die Vorteile von Saxophon Kunststoffblättern im Gegensatz zu Holzblättern liegen daher auf der Hand:

1. Sie sind viel länger haltbar. Ein Blatt von Légère z.B. liegt zwar preislich zwischen ca. 20 € und 30 € - was in etwa einer 10-er Box Holzblätter entspricht - dafür hält es bei entsprechender Pflege wirklich ewig (Monate bis hin zu Jahren, auch abhängig davon, wie viel du spielst).

2. Sie müssen nicht angefeuchtet werden, anders als Holzblätter, die du vor dem Spielen nass machen musst (entweder im Mund oder unter Wasser). Kunststoffblätter sind hingegen sofort spielbereit und trocknen auch nicht aus, wenn man längere Spielpausen hat.

3. Sie sind nicht oder nur wenig abhängig vom Klima (Luftfeuchtigkeit, Temperatur), was vor allem bei Outdoor Einsätzen von Vorteil ist!

4. Hygiene: man kann sie richtig waschen und sogar desinfizieren; Speichel dringt nicht in die Fasern ein, was zur Ermüdung von Holzblättern führt.

5. Sie haben eine glattere Oberfläche als Holzblätter - manche Spieler empfinden das als angenehmer im Mund.

6. Die Qualität schwankt nicht! Da sie maschinell gefertigt werden, sind Kunststoffreeds im Prinzip immer gleich: wenn du bei einer Marke eine bestimmte Stärke gefunden hast, mit der du klarkommst und das Blatt nachkaufst, hast du ein quasi identisches Blatt.

7. Kunststoffblätter müssen daher auch nicht bearbeitet werden - das kann eine Menge Zeit und Nerven sparen.


Sind Kunststoffblätter empfehlenswert? Welche Marken gibt es?

Ob du als Saxophonist/in Kunststoffblätter ausprobieren/spielen solltest, ist vor allem eine Geschmacksfrage: Wie möchtest du klingen und was erwartest du von einem Blatt?

Es kommt nämlich nicht nur auf den Klang an, den man "nach außen" hin hat - ausschlaggebend ist vor allem auch das eigene Spielgefühl: Fühle ich mich mit dem Blatt wohl, wie spricht es an, kommt es meiner eigenen Soundvorstellung entgegen?

Bekannte Marken, die du ausprobieren kannst, wenn du dich für das Thema Saxophon Kunststoffblätter interessierst, sind:

  • Fiberreed (Harry Hartmann): hier wird Carbon mit Hohlfasern benutzt, ähnlich den Fasern von Rohrblatt. Es gibt sie in verschiedenen Ausführungen (d.h. unterschiedliche Schnitte, Blattdicke etc.), wie mittlerweile bei allen Herstellern üblich.
  • Fibracell: synthetische Blätter, die aus einem Komposit Material bestehen -  das Resultat langjähriger Forschung, auch hier mit dem Anspruch, die natürlichen Fasern von Rohrblatt nachzubilden.
  • Forestone: Forestone Reeds sind synthetische Blätter, die in einem speziellen Spritzgußverfahren hergestellt werden. Verwendet wird Polypropylen und Zellulose-Bambus-Fasern - der Bambus-Anteil beträgt dabei mehr als 50 Prozent. Das erklärt auch den Namen Forestone: ‚Forest‘ (Wald) und ‚Tone‘ (Ton, Klang). 
  • Légère: Légère Kunststoffblätter bestehen aus Polypropylen und werden mit Hilfe einer CNC Fräse hergestellt, was einen sehr präzisen Schnitt garantiert. Sie sind fast durchsichtig und sehen den klassischen Holzblättern daher nicht so ähnlich; ihre Oberfläche ist zudem sehr glatt. Die ursprüngliche Serie wurde im Laufe der Jahre zur sogenannten ‚Signature‘ Reihe weiterentwickelt. 
  • (Plasticover von D’Addario, früher Rico, nehmen eine Sonderstellung ein, da sie lediglich mit Plastik beschichtete Holzblätter sind)

Wenn man sich die zuvor genannten Punkte 1-7 ansieht, liegt es natürlich erstmal nahe zu sagen: bei so vielen Vorteilen, wieso sollte man überhaupt noch Holzblätter benutzen? Dennoch spielen nach wie vor viele - ich würde behaupten, die meisten - Saxophonisten, gerade im professionellen Bereich (egal ob Jazz, Pop oder Klassik), Holzblätter. Bei manchen ist auch eine „Rückkehr zum Holzblatt“ nach einer Phase der Kunststoffblätter zu beobachten. 

Was sind die Gründe dafür? Kunststoffblätter verhalten sich, trotz aller Bemühungen und Aussagen seitens der Hersteller, anders. Es schwingen andere Frequenzen und der Klang ist oft ein bisschen ein anderer als der von Holzblättern. Viele sagen, es fehlt das „gewisse Etwas“, das ein gutes Holzblatt - so rar es auch sein mag - hat.

Hier kommen ein paar Beispiele aus meiner eigenen Erfahrung: 

Légère stellt z.B. sehr gute Blätter her - sie sind äußerst langlebig und klingen klar und warm. 

Es kommt natürlich auch immer ein bisschen auf das Setup (Mundstück, Ligatur) an; die neue Signature-Serie von Légère finde ich persönlich sehr gut in Kombination mit meinem Vandoren Optimum: die Blätter sprechen unglaublich gut an, in allen Lagen; auch Top Tones funktionieren ausgezeichnet, der Klang ist weich und klar. Die Stärkebezeichnungen entsprechen so ziemlich den Vandoren Classic Blättern. Dennoch haben sie tendenziell einen etwas schärferen Sound als ich es von Holzblättern gewohnt bin. Das muss man mögen.

Auch Forestone Blätter lohnt es sich durchaus zu testen - in Kombi mit einem Meyer Mundstück sind sie für mich eine solide Option: gute Ansprache, sehr natürlicher Klang, funktionieren super für Jazz und Pop.

So richtig warm bin ich bisher mit Kunststoffblättern zwar nicht geworden - wenn es um den Klang und die Konstanz in allen Lagen geht, ist ein gutes Holzblatt für mich immernoch die erste Wahl. Um aber ein gutes Reed, z.B. vor einem Auftritt, zu schonen, oder um ein Blatt zu haben, auf das jederzeit Verlass ist, sind synthetische Blätter super.

Ich teste mich zwischendurch jedenfalls immer wieder gerne durch das Plastikblätter Sortiment durch und tatsächlich sind synthetische Reeds im Laufe der Jahre einfach immer besser geworden. Auch durch die gewachsene Anzahl an Herstellern und Ausführungen ist es durchaus realistisch geworden, im Kunststoff-Segment fündig zu werden.

Fazit:

Da der Sound für Saxophonisten grundsätzlich eine sehr persönliche und individuelle Angelegenheit ist (sowohl was die Klangvorstellung angeht, als auch die anatomischen Voraussetzungen eines jeden Spielers und daraus resultierend die Ansprüche hinsichtlich Ansprache, Tonkontrolle und das eigene Spielgefühl), ist es schwer zu sagen, ob Kunststoffblätter per se empfehlenswert sind oder nicht. 

Wenn du auf der Suche nach einem besseren, nach dem „perfekten“ Sound bist (als Saxophonist/in bist du das mit hoher Wahrscheinlichkeit immer mal wieder…), ist es am besten, du testest dich selbst ein bisschen durch das Sortiment an Holz- und Kunststoffblättern und machst dir ein eigenes Bild. 

Wichtig ist diesbezüglich, dass du etwas Geduld mitbringst und verschiedene Blätter ausprobierst, da du vor allem die für dich richtige Stärke finden musst, um beurteilen zu können, ob synthetische Blätter eine gute Alternative für dich sind. Bei manchen Herstellern kannst du Blätter ggf. sogar umtauschen. 

Aber Achtung: ganz vieles, was mit einem guten Klang zu tun hat, liegt an dir als Spieler/in und nicht primär am Blatt (oder sonstigem Equipment). Du solltest stets an einem guten Sound arbeiten, indem du entsprechende Übungen (Longtones etc.) machst.

Das perfekte Blatt ist am Ende das, mit dem du am besten klar kommst - das eine gute Ansprache ermöglicht und mit dem du über das ganze Register einen stabilen, guten Ton erzeugen kannst, der deinen Klangvorstellungen entspricht. Ob das nun mit Kunststoff oder Holz der Fall ist, entscheidest du.

Lissy Szakács

Artikel von Lissy Szakács
(Musikerin und Saxophonlehrerin)

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Saxophonblätter bearbeiten – Saxophon lernen online

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In diesem Video zeige ich euch wie ein neues Saxophonblatt so bearbeiten kann, dass es besser klingt, besser anspricht und länger hält.
Wenn Ihr ein neue Reed frisch aus der Packung nehmt, hat das oft kleine Unebenheiten auf der Rückseite. Ihr könnt das Saxophonblatt einfach auf einem normalen Stück Papier schleifen. Kontrolliert immer wieder zwischendurch, ob sich etwas verändert.

Jetzt könnt ihr das mit allen Blättern so machen und euch dann aus der kompletten Packung die 4 oder 5 besten Reeds heraus suchen. Ich mache mir immer eine Reihenfolge: 1 ist das Hammerblatt (das Beste), und 5 ist auch noch gut, aber nicht ganz so gut.

Manchmal passiert es, dass kein Ton raus kommt. Schaut dann mal von vorne auf euer Mundstück. Wenn das Saxophonblatt gewellt ist könnt ihr es leicht mit dem Daumen glatt bügeln. Einfach gut anfeuchten und dann auf der flachen Seite des Mundstücks mir dem Daumen glatt machen.

Der StartUp Saxophon Kurs beginnt am 10. Januar 2016.
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