Wie improvisiert man ein richtig interessantes Solo?

Dieser Artikel ist interessant für alle improvisierenden Amateur-Musiker, alle Semi-Profis und alle, die gerne in ihrer eigenen Band oder auf einer Jam-Session mal ein Solo zum Besten geben.

Im Laufe einer Musikerkarriere lernt man als Jazzmusiker viel theoretisches Zeug: Tonleitern in allen Tonarten, Stufen-Modi, Akkorde, Kadenzen, Blues-Licks und vieles andere. Man hofft, durch fleißiges Üben könne man dann irgendwann einmal das “perfekte Solo” spielen. Oder einfacher gesagt: Wenn ich das Jazz-Lick XY lange genug in allen Tonarten übe, werde ich es irgendwann in einem Solo “nutzen” können (Vielleicht…mmmh….Vielleicht auch nicht).

So ähnlich war das bei mir im Studium auch. Ich habe geübt und geübt und am Schluss versucht irgendwelche Phrasen und Licks an irgendeiner Stelle im Solo einzubauen.

Und was ist das Problem bei dieser Strategie?
Ganz einfach: Es funktioniert nicht!

Warum? Dazu unten mehr…

Auf die Idee zu diesem Artikel kam ich durch die Email-Nachricht einer meiner Online Saxophonschüler. Ich nenne ihn hier mal Robert (Der Name ist geändert).

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Hier ist die Email in leicht abgeänderter Form:

Hi Bernd,

ich weiß du kennst mich natürlich nur von den Mails, aber für alle Online-Schüler bist du nach ein paar Wochen wie ein alter Kumpel der in meinen Proberaum zu Besuch kommt. 😉

Ich habe zwar gemerkt, dass ich das Wesentliche schon wusste oder konnte. Das Problem ist eher das, was sicher viele Amateure haben …. strategisches Spiel.

Ich habe bisher bei meinen Impros immer alles an Tönen und Effekten in das Solo reingeworfen was geht und das ist meist zuviel und chaotisch. Ich dachte anfangs, das muss so sein.

Einmal sagte dann ein Profi, ich spiele gut, aber leider tutti frutti und das mache es kaputt und anstrengend. Ich war erstmal verwirrt.

Das wichtigste, was ich bei dir gelernt habe und eigentlich tief in mir schon wusste:
sparsam spielen und kleine Dinge gut rüberbringen.
Steigerung, Dynamik und ab und zu Effekte.

Dabei komme ich mit aber ständig „underdressed“ vor. Schwierig!

LG
Robert

Und hier meine Antwort:

Hi Robert,

Das ist sehr interessant, was du schreibst. Ich kann mich manchmal nicht gut in die Schüler hineinversetzen und wenn du sowas schreibst ist das für mich eine große Hilfe und ich kann sehr viel davon lernen. ich find das echt super.

Du schreibst, dass du immer alles an Tönen und Effekten in deine Soli packst und es dadurch schnell chaotisch wird, “tutti frutti”.

Ich kenn das genau. Man will vor den anderen Musikern glänzen und packt alle Werkzeuge aus, die man dabei hat. Man feuert quasi sofort alles ab, egal ob es irgendeinem etwas bringt oder nicht.

Ich hatte ganz lange (oder habe immer noch) das Problem, dass ich sehr sehr viele Noten spiele. Ich spiele alles voll. Wenn ich das mache, ist oft keine Dramaturgie drin. Es gibt keine Geschichte, keinen Spannungsbogen, keine Pointe.

Das Improvisieren oder Solieren kann man etwa mit einem Gespräch vergleichen. Einer redet, die anderen hören zu und und erwidern etwas zum Thema. Bei guten Jazz-Bands läuft das so. Bei schlechten Bands redet jeder Musiker, aber keiner hört dem anderen zu.

Ein gutes Solo braucht immer erst einmal eine Idee und die baut man weiter aus, auch mithilfe der Band. Die Band macht mit, unterstützt die Idee oder geht manchmal auch konträr dazu auf was ganz anderes.

Wenn ich auf einer Session bin und der Saxophonist vor mir ledert ab wie „eine wildgewordenes Tier“ (der hier beschriebene Saxophonist ist eigentlich auf jeder Session dabei, manchmal bin ich das auch selbst 😉 dann spiel ich mein Solo danach komplett anders.

Vielleicht fang ich mit einer ganz leisen und entspannten Melodie an. Wenn die Rhythmusgruppe gut zuhört, steigen die drauf ein und es wird direkt wieder spannend. Hör dir mal die Platte/CD „Kind of Blue“ von Miles an (kennst du ja bestimmt). Wie unterschiedlich die Solisten sind. Die Platte war für mich ein „Aha“ Erlebnis. Immer wenn Miles kommt wird es ruhig und sehr entspannt, aber umso spannender. Er ist ein gutes Beispiel dafür.

Es gibt ein tolles Video von Branford: https://youtu.be/z3sFBk3ZU_o Was er darin über Musik und Improvisation erzählt ist so großartig, dass man es ruhig 3x hintereinander anzuschauen kann. Man lernt sehr viel Grundsätzliches über Musik darin.

Hier sind einige Highlights:
5:28 Playing an Instrument vs. Playing Music
8:27 the Power of the Melody
10:17 Love for Sale (sehr langsam – er spielt es genial anders – da hört man gut wie wichtig die Idee ist…)
11:32 Kommunikation (meiner Meinung nach die beste Stelle im ganzen Video).

Viele Grüße
Bernd

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Will man irgendwann wie Branford Marsalis improvisierte Soli spielen können, die voller Ideen und Inspiration sind, die eine Geschichte erzählen und mit deren Melodien die ganze Band kommuniziert, ist das ein langer Weg. Oh ja!

Die Menge an Technik, die man in seinem Leben übt, ist natürlich eine notwendige Voraussetzung, um überhaupt in die Nähe eines “perfekten Solos” zu kommen. Aber die eigentliche Herausforderung besteht nun darin, alles das im konkreten Spielerlebnis wieder zu vergessen und sich nur auf die Idee und die Musik einzulassen, die im Moment entsteht. Ist beim Solisten viel “Vokabular” vorhanden, kommt auch etwas Interessantes und Spannendes dabei raus. Wichtig sind Offenheit und Aufmerksamkeit für das, was musikalisch um einen herum geschieht. Man hat immer die Ohren weit offen für seine Mitspieler und lässt sich inspirieren. Es ist ein Geben und Nehmen.

Jazz ist eine Sprache und man muss sie wie jede andere “Fremdsprache” immer wieder sprechen, um sie zu lernen. Wenn ich die Sprache lernen will, muss ich mich also ins Getümmel werfen und mit anderen spielen, eine eigene Band gründen, proben, auftreten und dabei wachsen.

Für mich waren 3 Dinge ganz entscheidend, um die Sprache (Jazz) zu lernen.
Sehr viele Platten/CD/Aufnahmen anhören. Die Klassiker, von Blues bis Modern bis Free. Alle Musikstars kennenlernen, ihre Eigenarten, ihren Sound, ihre Ideen, ihre Phrasierung, ihre Rhythmik.
Viele Soli selbst nachspielen. Transkriptionen schreiben und versuchen diese wie das Original zu spielen. Imitieren, mit der Aufnahme mitspielen, mit Playbacks mitspielen, sich selbst aufnehmen und immer wieder hören, was die anders machen.
Mit anderen Musikern zusammen spielen. Eigene Stücke schreiben, Cover-Versionen spielen….Spielen, Spielen, Spielen.

Was das ganze Vorhaben noch beschleunigt, ist ein guter Lehrer. Manchmal fährt sich das Hinterrad irgendwo fest und ohne fremde Hilfe kommt man sehr schwer wieder auf die Straße. Da hilft ein guter Lehrer und er kann dir auch helfen zu entscheiden welche Sachen wichtig sind und welche nicht….

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Hm...warum eigentlich nicht?